Sexualkunde im digitalen Zeitalter

Das Internet hat die Pornografie zwar nicht erfunden. Dennoch ist es offensichtlich, dass nicht jugendfreie Inhalte viel leichter zu finden sind als je zuvor – selbst für jüngere Zuschauer. Wenn es darum geht, Sexualkunde ins digitale Zeitalter zu holen, ist es entscheidend, wie Eltern und Lehrer mit diesem vermeintlichen Tabu-Thema umgehen.

Inzwischen sind 80 Prozent der jugendlichen Bevölkerung im Netz unterwegs, und die Bedenken, welche Auswirkungen Pornografie auf sie haben könnte, sind in der öffentlichen Debatte angekommen.

Zahlreiche frei verfügbare, nicht jugendfreie Inhalte bilden Hypermaskulinität ab und stellen männliche Befriedigung in den Vordergrund. Dementsprechend sorgen sich viele, dass junge Porno-Konsumenten schädliche Ansichten über Sex und missbräuchliches Verhalten gegenüber Frauen entwickeln könnten.

Die meisten Studien zu diesem Thema halten sich mit der Herstellung kausaler Zusammenhänge zwischen Pornografie und bestimmten sexuellen Haltungen und Verhaltensweisen zurück. Es sind die Jugendlichen selbst, die erzählen, dass Pornos durchaus einen Einfluss auf sie haben – egal ob sie nun aus Versehen auf pornografische Bilder stoßen oder bewusst danach suchen.

Emily Rothman ist Professorin für Community Health Sciences an der Boston University School of Public Health. Sie nimmt bereits seit einem Jahrzehnt die Zusammenhänge zwischen Pornografie und sexueller Gewalt unter die Lupe. Im Jahr 2016 untersuchte sie in einer Studie 72 Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren und stellte fest, dass diese ihr Wissen über Sex hauptsächlich aus Pornos beziehen.

Rothman wollte verstehen, wie und warum es dazu kommen konnte, dass Pornografie einen so großen Raum im Leben der Teenager einnimmt. Außerdem glaubte sie, die Erkenntnisse aus der Studie könnten eventuell dazu genutzt werden, die Risiken, die mit dem Konsum von Pornos zusammenhängen, gezielter anzusprechen.

Also erstellte sie für die Highschool-Schüler der Stadt Boston in Massachusetts ein Wahlfach, um ihnen Wissen über Pornografie zu vermitteln. Zu diesem Zweck arbeitete Rothman mit Start Strong zusammen, dem Peer-Leadership-Programm der öffentlichen Gesundheitsbehörde vor Ort.

Der vollständige Titel des Kurses lautet: „Die Wahrheit über Pornografie: Ein Lehrplan, der Highschool-Schülern Wissen über Pornos vermitteln und so zur Minderung von sexueller Gewalt beitragen soll“. Hier können kritische Diskussionen darüber stattfinden, wie Geschlecht, Sexualität, Einvernehmen, Diversität, Beziehungen und Körperbilder in pornografischen Inhalten dargestellt werden (oder auch nicht).

Der Lernstoff beinhaltet unter anderem Definitionen zu einzelnen Begriffen sowie Ratschläge, wie die Schüler es vermeiden können, Dinge aufzurufen, die sie nicht sehen wollen. Sie werden außerdem dazu ermutigt, sich an Diskussionen über die Frage zu beteiligen, ob Pornos zu Gewalt gegen Frauen beitragen.

„Wir möchten in der Tat mit den Kindern über Dating und sexuelle Gewalt sprechen“, sagt Rothman. „Wir haben festgestellt, dass Kinder Spaß daran haben, über Pornografie zu reden. Daher nutzen wir die Gelegenheit, um Dinge anzusprechen, die unserer Meinung nach wirklich wichtig sind – zum Beispiel, dass man über Einvernehmen spricht und gesunde Grenzen in einer Beziehung aufstellt.“

Rothman glaubt, junge Menschen sind dann am besten gegen die negativen Aspekte der Pornografie gewappnet, wenn sie in diesem Bereich eine umfassende, faktenbasierte und sexpositive Bildung erhalten. „Wenn es an alternativen Bildungsmöglichkeiten mangelt, sollte es uns nicht überraschen, dass Kinder ihr Wissen aus Quellen holen, die in erster Linie Profitzwecken oder der Unterhaltung dienen“, sagt sie und ergänzt:

„Würden die Kinder bei ihrer ersten Begegnung mit pornografischen Inhalten nur so vor Wissen strotzen, wären sie vor deren schlimmsten potenziellen Einflüssen geschützt.“

Das Internet kann auch ein Schutzraum für junge, wissbegierige Menschen sein. So sagten zum Beispiel 70 Prozent aller US-amerikanischen College-Studenten, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, trans oder queer identifizieren, dass sie sich im Netz über ihre Orientierung informiert haben. Und viele Studien weisen nach, dass das Internet jungen LGBTQs dabei hilft, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, die sie unterstützen. Das kann wiederum ihren Horizont erweitern und ihr Selbstbewusstsein stärken.

Es sind diese positiven Geschichten, die Meinungsfreiheitsaktivisten zufolge vor Zensur bewahrt werden müssen und die zeigen, weshalb das Recht auf Anonymität so wichtig ist. Mindestens 16 Länder zensieren Pornografie im Netz. Über das Ausland sind Inhalte jedoch trotzdem noch zugänglich. Es gab auch mehrere Vorschläge, pornografische Inhalte nur ab einem bestimmten Alter abrufbar zu machen. Digitale Bürgerrechtsbewegungen wie die Electronic Frontier Foundation halten jedoch dagegen, dass das die Privatsphäre der Internetnutzer verletzen würde.

Im Jahr 2018 löste das Verbot, das die Mikroblogging-Plattform Tumblr für nicht jugendfreie Inhalte auf ihrer Seite durchsetzte, eine Kontroverse über den Verlust eines digitalen Schutzraums für die LGBTQ+-Community und Sexarbeiter aus. Nacktheit und sexuell explizite Inhalte sind bereits auf den meisten anderen Plattformen wie Facebook und YouTube tabu, was bedeutet, dass Tausende Menschen nun keine Alternative mehr haben.

In dieser komplexen, sich stets verändernden digitalen Landschaft gibt es allerdings eine Konstante: Und zwar die wichtige Rolle, die unterstützende Eltern und Lehrer spielen, wenn es darum geht, Jugendlichen das nötige Wissen und Bewusstsein sowie eine positive Einstellung zu Sexualität und gesunden Beziehungen zu vermitteln. Das Internet bietet jungen Menschen, die auf der Suche nach sich selbst sind, eine Fülle an Ressourcen – Publikationen, zum Beispiel, und Communitys, die sie unterstützen. Auch Websites wie Amaze.org, Scarleteen.com und Ahwaa.org sind oft ein besserer Ansatzpunkt als Pornos, um sich über Sexualität und Gesundheit zu informieren.

Inwieweit muss Sexualkunde ans digitale Zeitalter angepasst werden?

  1. Büsi-George

    Seltsam - denkwürdig - menschheits-pervers? Tiere machen sich diese Gedanken nicht: Sie vermehren sich einfach. Bloss der Mensch hat hier seine seltsamen Bedenken, dass ein natur-gegebener Vorgang mitunter zu Hemmnis, zu Scham (was überhaupt ist Scham, so es sich denn nicht um ein Verbrechen oder üble Nachrede etc. handelt?) oder zu angestauter Aggression und deren garstige Auswirkungen handelt? Oft liebe ich die Tiere mehr als den Menschen (Blasphemie - ja, Blasphemie ;-) , vielleicht). Plus je connais l'homme, plus j'aime mon chat! Je mehr ich den Menschen kenne, um so lieber habe ich meine Katze...
    Herzlich, George

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