Die unmenschliche Schattenseite der Technologie

Im Silicon Valley in den USA oder seinem südkoreanischen Pendant, dem Pangyo Techno Valley, sind Jobs in der Technologiebranche oft lukrativ. Die Vorteile, die das Schreiben von Code und die Gestaltung neuer Produkte mit sich bringen, sind ein hohes Gehalt, ein sicherer Arbeitsplatz, aber auch kleine, von den Unternehmen bereitgestellte Luxusgüter wie kostenloses Essen.

Doch nicht jeder in der Versorgungskette der Technologie kann sich so glücklich schätzen. Fabrikarbeiter, die in China, Malaysia, Brasilien und anderen Ländern iPhones, Smartwatches und ähnliche Hardware produzieren, sind oft harten, menschenunwürdigen Bedingungen ausgesetzt.

Li Qiang ist Vorstandsmitglied der gemeinnützigen New Yorker Organisation China Labor Watch (CLW), die sich für bessere Arbeitsverhältnisse in China einsetzt. In verdeckten Ermittlungen dokumentiert sie schlechte Arbeitsbedingungen in den dortigen Fabriken und setzt Unternehmen unter Druck, damit diese dagegen vorgehen. So untersucht CLW schon seit 19 Jahren Fabriken, die für Apple, Dell, Microsoft, Samsung, Huawei und andere große Technologiefirmen Hardware herstellen.

Die NGO hat bereits Fälle von Kinderarbeit, Diskriminierung, vorgeschriebenen Überstunden und Menschenrechtsverletzungen aufgedeckt. Vor Kurzem veröffentlichte sie unter anderem die Berichte „Amazon Profits from Secretly Oppressing its Supplier’s Workers“ („Amazon profitiert von der heimlichen Ausbeutung der Arbeiter in seinen Herstellungsfabriken“, Juni 2018) und „A Year of Regression in Apple’s Supply Chain“ („Ein Jahr Regression in Apples Versorgungskette“, Mai 2017).

Als Reaktion auf diese Anschuldigungen teilte Amazon der Presse mit, es habe „sofort Verbesserungsmaßnahmen bei Foxconn angefordert“. Das Unternehmen leitet die Fabriken, in denen das Smart-Home-Produkt Amazon Echo und der Kindle-E-Book-Reader hergestellt werden. Apple behauptete gegenüber Reportern, es habe die Vorwürfe von CLW untersucht, aber „keine Verstöße gegen ihre Grundsätze“ festgestellt.

„Diese Unternehmen wollen ihre Produktionskosten senken“, erklärt Li Qiang. „Die Umstände, unter denen ihre Geräte hergestellt werden, interessieren sie nicht besonders.“

Fabrikarbeiter in China verdienen selten genug zum Leben. Selbst die regionalen Mindestlöhne reichen Li Qiang zufolge nicht aus. Dies führt dazu, dass Überstunden gemacht werden müssen und Arbeitswochen von mehr als 60 Stunden zur Norm werden.

Außerdem erhalten viele Arbeiter kein ausreichendes Sicherheitstraining. „Sie kommen mit toxischen Chemikalien in Berührung und merken es nicht einmal“, sagt Li Qiang.

Wer ist für diese miserablen Bedingungen verantwortlich? Li Qiang meint, sie schieben sich alle gegenseitig die Schuld zu: „Unternehmen wie Apple und Dell wälzen die Verantwortung für diese entsetzlichen Arbeitsverhältnisse auf die Fabriken ab, und diese wiederum auf die Agenturen, die die Arbeiter anheuern.“

Dass die Zustände in chinesischen Fabriken schlecht sind, ist kaum etwas Neues. 2010 machte eine Selbstmord-Serie in den Werken des Herstellers Foxconn Technology in Shenzhen Schlagzeilen. Fünf Jahre später veröffentlichte WIRED eine Enthüllungsgeschichte über eine Fabrikarbeiterin jugendlichen Alters in Dongguan. Sie musste 15-Stunden-Schichten schieben, Handybildschirme mit einer toxischen Chemikalie reinigen und ihren Kollegen dabei zusehen, wie sie krank wurden.

Li Qiang erkennt an, dass sich die Zustände in den letzten 20 Jahren gebessert haben. Einige Technologiefirmen gehen bestimmte Probleme nun direkt an – zum Beispiel untersucht Apple in Zwischenberichten, ob seine Versorger mit arbeits- und menschenrechtlichen Bestimmungen konform gehen, und die soziale Unternehmensverantwortung von Dell umfasst nun auch Initiativen, die zur Verbesserung der Arbeitsstandards in der Versorgungskette dienen.

Trotzdem seien die Löhne immer noch viel zu niedrig, sagt Li Qiang. Außerdem gebe es zu wenige Organisationen, die Unternehmen im Auge behalten und sich für Veränderungen stark machen. Unter den Verbündeten von CLW befinden sich 100 Organisationen, die dem GoodElectronics-Netzwerk angehören. Bei diesem handelt es sich um eine gemeinnützige Koalition aus Gewerkschaften, Forschern und Wissenschaftlern in den Niederlanden, die sich für den Schutz von Menschenrechten und für ökologische Nachhaltigkeit in der globalen technologischen Versorgungskette einsetzen. Außerdem gibt es auch traditionelle Organisationen, die Nachforschungen im Bereich Best Practices für Konzerne anstellen und sie diesbezüglich beraten. Eine davon ist die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen.

Zur Gesundheit des Internets gehören auch humane Arbeitsbedingungen für diejenigen, die uns mit Handys, Computern und anderen Geräten, mit denen wir das Internet nutzen können, versorgen. Sind die Kosten für unseren Technologiekonsum niedrig, heißt das eventuell, dass jemand anderes teuer dafür bezahlen muss. Wir könnten uns sicherer sein, dass entsprechende Unternehmen das Leben dieser Menschen wertschätzen, wenn sie nur transparenter und verantwortungsbewusster wären und die Rechte und Sicherheit der Arbeiter unter stärkerem Schutz stünden. Das sollten wir alle im Kopf behalten, je mehr technologische Produkte wir in unser Leben aufnehmen.

Wie viel sind Dir humane Arbeitsbedingungen in der Technologiebranche wert?

  1. Anonym

    Bereits die Frage, wie viel mir humane Arbeitsbedingungen wert sind, ist eigentlich bereits teil des Problems: Humane Arbeitsbedingungen dürfen normalerweise nicht zur Debatte stehen! Und es geht definitiv besser wie die großen es vormachen. Siehe Fairphone. Dort sind bereits viele Schritte in die richtige Richtung unternommen worden. Und so viel teurer ist das Produkt für uns Endnutzer nicht - sofern keine riesigen Managergehälter und Aktionärsgewinne mitbezahlt werden müssen. Es ist einfach nur traurig was in vielen sozialen Belangen auf unserer Welt abläuft.

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