Wenn ein Hurrikan das Internet lahmlegt

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Loiza in Puerto Rico, sechs Monate nach dem Hurrikan „Maria“. Foto von Preston Keres (Public Domain).

Das Internet ist von Haus aus auf Widerstandsfähigkeit ausgelegt. Doch als der Hurrikan „Maria“ 2017 über Puerto Rico hinwegfegte, mussten viele Einwohner plötzlich feststellen, dass sie ihre Freunde und Familien nicht mehr kontaktieren konnten. Ihr Internetanschluss war komplett ausgefallen.

Der Sturm kappte das Stromnetz und warf ganze Fernmeldetürme um. So sorgte er dafür, dass 95,6 Prozent aller Funkzellen ausfielen und die Puerto Ricaner so gut wie keinen Empfang mehr hatten. Das Internet war komplett lahmgelegt.

Eine halbe Million Häuser wurden beschädigt und Tausende Menschen starben. Schätzungen zufolge war der Stromausfall in diesem Gebiet einer der verheerendsten in der Geschichte der USA.

Da der Klimawandel extreme Wetterereignisse begünstigt, ist es wahrscheinlich, dass sich diese Art von Katastrophe sowohl in Puerto Rico als auch in anderen Teilen der Welt wiederholen wird. Wenn dann das Internet erneut ausfällt, dürften die humanitären Notlagen, die solch extremes Wetter verursacht, umso schwerer zu überwinden sein.

„Es geht um Menschen aus Fleisch und Blut, die aufgrund fehlender Telekommunikation [gestorben sind] – weil sie weder telefonieren noch Nachrichten verschicken konnten.“ Mit diesen Worten schilderte die puerto-ricanische Journalistin Sandra Rodriguez den Internetausfall in einem Interview mit NOVA Next.

Schon bald, nachdem „Maria“ zugeschlagen hatte, breiteten sich Puerto Ricos Internetprobleme aus. Südamerikanische Länder wie Argentinien und Brasilien, die für ihr Internet zum Teil auf Unterseekabel angewiesen sind, die ihre Landepunkte in den karibischen Inseln haben, waren im September 2017 aufgrund von Stromausfällen von Netzstörungen betroffen.

Es entstanden mehrere kleinere und größere Bewegungen, um das Internet wiederherzustellen. Die gemeinnützige Organisation NetHope schickte WiFi-Equipment nach Puerto Rico und organisierte deren Installation, Telekom-Unternehmen richteten mobile Hotspots ein und die Google-Initiative Project Loon schickte Internet in Form von Ballons los. Dennoch dauerte es fast ein ganzes Jahr, bis die gesamte Insel wieder mit Strom versorgt war, und die durchschnittliche Internetgeschwindigkeit lag laut NOVA Next noch bis zum August 2018 unter dem Niveau vor dem Sturm.

Weil Hurrikans jedes Jahr aufkommen, drängen Internetaktivisten in Puerto Rico darauf, das Internet für den nächsten großen Sturm zu rüsten. Im Februar 2018 veröffentlichte die Internet Society (ISOC), eine gemeinnützige Organisation, die sich für universellen Internetzugang einsetzt, mithilfe ihrer karibischen Abteilungen einen Bericht darüber, wie weitere Verbindungsnotlagen verhindert werden können.

Es ist nicht einfach, die Insel mit Strom zu versorgen, so essenziell er auch ist. Die Gründe dafür sind in ihrer natürlichen geografischen Lage und früheren Bauplanungsentscheidungen zu finden. Zum Beispiel lebt der Großteil der 3,3 Millionen Puerto Ricaner zwar in nördlichen Metropolregionen – aber 70 Prozent des Stroms werden im Süden erzeugt. Aufgrund dieser ungünstigen Konzentration zieht sich das Stromnetz quer über die gesamte Insel, wodurch die Kabel den Elementen ausgesetzt sind.

Außerdem ist es schwierig und kostspielig, die Gebirgsregionen Puerto Ricos mit Strom zu versorgen. Nach dem Stromausfall musste das Land auf Reservegeneratoren für seine Mobilfunkmasten zurückgreifen. Als der Kraftstoff für diese Generatoren aufgebraucht war, „konnte man nicht zu den Masten gelangen, weil die Straßen gesperrt waren. Und so brachen die Antennen allmählich ab, weil sie keinen Strom bekamen. Es herrschte Chaos“, sagte Eduardo Diaz, ein Vorstandsmitglied der ISOC Puerto Rico, der gerade einen Beirat zusammenstellt, um vor Ort einen Strategieplan zu entwickeln.

Diaz zufolge führt der Vertrauensverlust in das Stromversorgungsnetz gerade dazu, dass neue, nachhaltige und dezentrale Lösungen in Erwägung gezogen werden, die zudem besser an das Klima angepasst sind. „Das hier ist eine Tropeninsel“, sagt er, „die Sonne scheint hier so ziemlich das ganze Jahr über … Sie wären überrascht, wie viele Menschen Solarenergie oder netzunabhängige Methoden ausprobieren wollen, falls noch einmal so etwas passiert. Der Markt ist riesengroß.“

Puerto Rico muss aber auch das Bewusstsein der Internetindustrie für das Klima stärken. Obwohl sie in einer für Stürme anfälligen Region operiert, setzt sie nicht immer auf Nachhaltigkeit.

Shernon Osepa, der bei ISOC für regionale Angelegenheiten in Lateinamerika und der Karibik zuständig ist, erkennt die Notwendigkeit, dieses Problem in Angriff zu nehmen. „Die Industrie weiß, dass unser Lebensraum sehr anfällig für extremes Wetter ist, und doch baut sie ihre Netze so aus, als wäre das genaue Gegenteil der Fall“, warnt er. Außerdem könne ein Teil der karibischen Infrastruktur lediglich Kategorie-3-Hurrikans standhalten, obwohl die Region üblicherweise von Hurrikans der Kategorie 4 und 5 heimgesucht wird.

Für eine gelungene Erholung sei es auch wichtig, der Öffentlichkeit Zugang zur Datenlage zu gewähren. „Wir haben noch keine genaue Vorstellung davon, wie schlecht es um die Telekommunikation steht“, sagt Diaz. Seiner Meinung nach sollte die Puerto Rico Broadband Taskforce, die für den Breitbandausbau auf der Insel zuständig ist, auf einer Landkarte kennzeichnen, in welchen Gebieten es an entsprechenden Diensten fehlt.

Schon lange vor dem Sturm litt Puerto Rico unter einer mangelhaften Infrastruktur und Haushaltskürzungen. Die US-amerikanische Katastrophenschutzbehörde FEMA hat hohe Summen für Notreparaturen bereitgestellt; diverse Politiker lehnen es jedoch ab, eine komplette Neugestaltung der Infrastruktur zu finanzieren. Stattdessen bevorzugen sie kurzfristige Lösungen – oder gar solche, die nicht in Puerto Ricos Interesse sind.

Diaz schlägt vor, dem knappen Budget mit kreativen Ideen und nachhaltigeren Lösungen zu begegnen. Beispielsweise könnten bereits bestehende Internetzuschüsse für öffentliche Schulen in den Bau von gesellschaftlich „verankerten Einrichtungen“ umgeleitet werden, die den Menschen in der Umgebung Zugang zum Internet verschaffen.

Nicht nur in der Karibik, auf der ganzen Welt stellt der Klimawandel Internetaktivisten im Sekundentakt vor neue Herausforderungen. Klar ist, dass wir müssen in Zukunft mit weiteren Hurrikans und anderen Naturkatastrophen fertig werden müssen. Dementsprechend sollten alternative und regional angepasste Infrastrukturen unbedingt jetzt schon zum Einsatz kommen.

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