Ist Innovation offen?

„Offen“ bedeutet, jeder kann online Inhalte veröffentlichen oder Dinge erfinden, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen. Außerdem heißt es, dass die Technologien zum Betreiben des Internets transparent und leicht verständlich sind.

Viele der großartigen Möglichkeiten des Internets verdanken wir der Tatsache, dass es ein offenes System ist: überall und für jedermann frei zu erlernen und weiter zu entwickeln.

Die technischen Bausteine, die dabei helfen, dies möglich zu machen – Standardprogrammiersprachen des Webs wie HTML oder JavaScript – sind wie Legosteine für die Menschheit: Jeder kann sie sich nehmen und etwas daraus machen. Da vergisst man schon mal leicht, dass man in vergangenen Kommunikationszeitaltern für solche Dinge eine teure Druckerpresse oder eine offizielle Sendelizenz haben musste. Plattformen wie Wikipedia, Facebook oder WordPress wären damals nie und nimmer zu Stande gekommen.

Das große, heutzutage verbleibende Fragezeichen: Wird die Offenheit des Internets anhalten oder dahinschwinden? In Bereichen wie dem Urheberrecht sind die bestehenden Grundsätze immer bedroht. Und neue Technologien, wie Maschinelles Lernen oder das Internet der Dinge, folgen nicht den gleichen Prinzipien und Standards der Offenheit wie das World Wide Web.

So viele großartige Erfindungen entstehen in Garagen, Kellern und Wohnheimen: Neue Social-Media-Plattformen, Musik, Memes und politische Bewegungen, die in die Geschichte eingehen. Doch es besteht auch das Risiko, dass die Offenheit, an die wir uns mittlerweile gewöhnt haben, mit der Zeit wieder abnimmt.

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Gesund

Es ist gesund, dass jeder, der es möchte, eine Website erstellen kann und diese alle vom Internet gleich behandelt werden. Über 1,1 Milliarden Websites existieren heute und es werden mit jeder Sekunde mehr.

Kreative Praktiken, wie das Teilen, Remixen und Weiterleiten von Online-Inhalten, steigen zunehmend an. Die Organisation für offene Urheberrechtslizenzen, Creative Commons, schätzt, dass es heute 1 Milliarde Arbeiten unter CC-Lizenzen im Internet gibt, welche die Wiederverwendung von Texten, Fotos und Musik unterstützen.

Die offenen Ideale des Internets setzen sich immer mehr an den verschiedensten Orten durch: das gilt für das Leiten von Organisationen sowie das Formen von Bewegungen und das Führen von Regierungen. Immer mehr öffentliche Informationen zu Budgets und Statistiken werden nun online in offenen Formaten frei zur Verfügung gestellt. Und das sogar in Ländern, wo freie Meinungsäußerung sonst nur eingeschränkt vorhanden ist. Zusätzlich haben viele Orts- und Landesregierungen – einschließlich in Indien, Großbritannien und den USA – heute Richtlinien für quelloffene Software, die Kosten sparen und die Wiederverwendung von Software innerhalb von Abteilungen einfacher machen.

Quelloffene Software ist ein zentraler Teil der Bausteine des Webs: Software wie Linux und Apache läuft weltweit auf den meisten Internetservern. Noch dazu ist sie ein Hauptbestandteil der Technologiestrategien von großen Konzernen wie Google, Facebook und Amazon.

Ungesund

Sowohl auf multinationaler als auch auf Staatsebene wird das Internet ständig durch neue Richtlinien bedroht. In Europa ist das Web dieses Jahr der Willkür von Gesetzesmachern ausgeliefert, die abwägen, ob das unerlaubte Verlinken von Nachrichtenartikeln als Urheberrechtsverletzung erachtet werden sollte.

Es gibt einige Urheberrechtsgesetze, die einfach nicht mehr für unser digitales Leben geeignet sind. Andere werden absichtlich im direkten Widerspruch gegen die Offenheitsideale verfasst. Rahmenwerke zum Schutz des geistigen Eigentums, die im Zuge internationaler Handelsabkommen hinter verschlossenen Türen beschlossen werden, wie die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP), könnten sich negativ auf die Offenheit, die Privatsphäre und die Datenstandards weltweit auswirken.

Große Verlagshäuser sowie Rechteinhaber von Filmen, Büchern und Musik in Europa und den USA nutzen in ihrem Kampf gegen Online-Piraterie Software zum Digital Rights Management (DRM), mit der sie die Vervielfältigung oder Überarbeitung von urheberrechtlich geschütztem Material im Web verhindern können. Bedauerlicherweise ist DRM ein abgeschlossenes System, das anfällig für Sicherheitsschwachstellen ist und den freien Gebrauch von rechtmäßig erworbenen Inhalten einschränken kann – so zum Beispiel das Ansehen dieser Inhalte auf einem Gerät Ihrer Wahl.

Sind Sie ein Erfinder? Dann nehmen Sie sich vor „Patent-Trollen“ in Acht. Dabei handelt es sich um Unternehmen, die rechtmäßige Unternehmen verklagen und ungeheuerliche Summen aufgrund zwielichtiger Patente verlangen. Vor allem in Europa, Russland und den USA erfüllen sie Technologie- und Software-Hersteller mit Furcht. Durch Reformen und das Beenden von Patentstreitigkeiten könnten wir mehr Innovationen dabei helfen, zu gedeihen, anstatt sie an ihrer Entwicklung zu hindern.

Prognose

Offene Innovation im Internet wird durch schlechte Politik, die Abwertung allgemeiner Standards und die Fragmentierung des globalen Internets bedroht.

Milliarden von neuen Geräten verbinden sich mit dem Internet in unserem Zuhause, in Städten, an öffentlichen und privaten Orten. Dennoch wird eigens entwickelte Software oftmals offenen Standards und gemeinsamer Nutzbarkeit vorgezogen, was zur Fragmentierung des Internets der Dinge sowie zu Kostensteigerung und Sicherheitsrisiken führt.

Wir müssen Open-Source-Praktiken, Transparenz und Standards für alle neuen Internet-Technologien – dazu zählen auch virtuelle Realität, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen – vorantreiben, nicht zuletzt um sicherzustellen, dass sie auch im Web richtig funktionieren.

Wenn wir es nicht schaffen, dass mehr Menschen, Regierungen und Unternehmen Offenheit in ihre Denkweisen und Arbeitspraktiken einbauen, werden wir zusehen müssen, wie sie langsam dahinschwindet. Außerdem müssen wir mehr Menschen dazu bringen, zuzugeben, dass „wir alle großen Errungenschaft, die wir heutzutage dem Internet zuschreiben, der Offenheit zu verdanken haben.“

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Die Daten im Überblick

Urheberrechte

Teilen für einen guten Zweck

Auf zwei Dritteln der Welt gibt es keine urheberrechtlichen Fair-Use-Bestimmungen.

Gesetze zum geistigen Eigentum, die zu sehr das Teilen und die erneute Mischung von Inhalten einschränken, beeinträchtigen Kreativität und Innovation – das gilt vor allem für Inhalte mit erzieherischen oder gemeinnützigen Zwecken, die unter der Regelung für angemessene Verwendung (“Fair Use”) erlaubt wären. Wir müssen veraltete Gesetze reformieren und den Wachstum von Lizenzalternativen, wie Creative Commons unterstützen.

Open Data - Frei verfügbare Daten

Transparenz durch Informationsfreiheit

Jährlich stellen immer mehr Regierungen ihre Daten der Öffentlichkeit im Internet frei zur Verfügung.

Budgets, Wahlergebnisse und Volkszählungsdaten können Bürgern, politischen Entscheidungsträgern und Journalisten wertvolle Einblicke bieten. Der Weg auf dem die Daten zur Verfügung gestellt werden ist dabei genauso wichtig, wie die Daten selbst. Sobald den Menschen ihr Recht auf Wissen zugestanden wird, gibt es auch mehr gute Innovationen.

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